VEB Eisenwerk - Die Backstein-Gießerei

Zu den eindrucksvollsten verlassenen Orten zählen jene, in denen noch Inventar erhalten geblieben ist. Die Backstein-Gießerei ist ein solch außergewöhnlicher Ort, an dem sich noch zahlreiche Formen, Werkzeuge, Anlagen und sogar einzelne Bauteile befinden. Leider sind nach inzwischen 33 Jahren Leerstand die Dächer einiger Hallen bereits eingestürzt. Auch die prächtigen Backsteingiebel werden bald diesem Verfall folgen.

 

Die Entstehung der Stadt Tangerhütte verdankt sich dem Eisenwerk. Ursprünglich aus dem kleinen Dorf Väthen hervorgegangen, erlebte Tangerhütte eine tiefgreifende Transformation. Im Jahr 1842 zählte Väthen lediglich 345 Einwohner und war ein bescheidenes Bauerndorf. Mit der Errichtung des Eisenwerks entwickelte sich der Ort jedoch schnell zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Zentrum. Um die Jahrhundertwende stieg die Einwohnerzahl auf 4.436 an, während das Eisenwerk bereits 1.582 Menschen beschäftigte. 1935 erhielt Tangermünde mit rund 6.000 Einwohnern offiziell den Status einer Stadt.

Raseneisenstein ist ein erzhaltiges Sediment, das in feuchten Niederungen vorkommt. Es kann bis zu 45 Prozent Erz enthalten, liegt in einer bis zu 50 Zentimeter dicken Schicht direkt unter der Grasnarbe und lässt sich praktisch mit dem Spaten ausheben. Ein solcher Fund im Jahr 1842 im Tal des Flusses Tanger nahe dem Dorf Väthen veranlasste zwei Magdeburger Unternehmer, in der damals abgelegenen ländlichen Gegend eine Eisenhütte zu errichten.


Der preußische König erteilte im Jahr 1842 die Konzession zum Abbau von Raseneisenerz in der Region um Tangerhütte. Diese Genehmigung ermöglichte den Bau der Werkshallen und die Gründung des Eisenwerks. Die Firma „Kayser et Compagnie“ errichtete ein Bürgergebäude, einen Hochofen, Maschinen- und Kesselhäuser, eine Gießerei, eine Tischlerei, eine Schlosserei sowie einen Modellraum.

Im März 1844 gelang es Johann Jacob Wagenführ, das erste Eisen aus dem Ofen zu gewinnen. Das „Eisenhütten- und Emaillirwerk Tangerhütte“, später bekannt als „Eisenhütten- und Emaillierwerk AG“, nahm seinen Betrieb auf. Die „Tangerhütte“, ein Unternehmen von Weltruf, zog zahlreiche junge Arbeitskräfte an und suchte stetig nach weiteren Mitarbeitern. Die Zahl der Beschäftigten wuchs von Jahr zu Jahr kontinuierlich, um die steigende Nachfrage nach gusseisernen Produkten zu bedienen. Bereits im Jahr 1900 arbeiteten dort 1.535 Menschen.


Über Generationen hinweg verbanden sich die Familien der Region eng mit der Gießerei – etwa jeder dritte Einwohner war als Eisenwerker tätig.

Die Gewinnung von Eisen aus Raseneisenstein erwies sich jedoch bald als wenig rentabel. Im Jahr 1889 übernahm Ferdinand Rudolf Curt von Arnim die Leitung der „Tangerhütte“. Der neue Geschäftsführer war mit der Witwe Marie Wagenführ verheiratet und brachte als kunstbegeisterter Unternehmer viele kreative Impulse in das Werk ein.

 

Zwischen 1889 und 1916 entstanden auf dem Firmengelände zwei neue Fabriken, darunter eine große Gießerei. Das Produktspektrum reichte vom Kochgeschirr bis hin zu schweren Bauteilen für den Maschinenbau und Konstruktionen aller Art.

Zur Weltausstellung in Paris im Jahr 1889 fertigte das Eisenwerk eigens einen gusseisernen Pavillon aus 441 Einzelteilen an und vertrat damit das Deutsche Reich in Frankreich. Dieser Kunstpavillon zählt zu den bedeutendsten Werken der Kunstgussarchitektur des 19. Jahrhunderts und steht heute im Schlosspark von Tangerhütte, den die Familie Wagenführ angelegt hat.

 

Die Gussformen für die Gießerei wurden aus Holz gefertigt, was den Eisenwerken weltweiten Ruhm einbrachte. So wurden unter anderem Teile für landwirtschaftliche Maschinen produziert. Im Jahr 1899 expandierte von Arnim nach Großauheim, wo im Folgejahr die Eisengießerei Marienhütte eröffnet wurde.

Während beider Weltkriege spielte Tangerhütte eine zentrale Rolle bei der Versorgung der deutschen Wehrmacht – unter anderem wurden dort Haubitzengranaten hergestellt. Im Juli 1945 marschierten sowjetische Truppen in Tangerhütte ein; daraufhin floh Johann Jacob Robert Franz Wagenführ, Enkel des Firmengründers, mit den abziehenden westlichen Besatzungskräften aus der Stadt. Ihr Anwesen, das Neue Schloss, dient heute noch als Kulturstätte.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg entnahmen die Sowjets Reparationsleistungen aus dem Eisenwerk, das 1945 verstaatlicht wurde. Ein Jahr später erhielt es den Namen „VEB Eisenwerk 1.Mai Tangerhütte“ und spezialisierte sich als staatliches Unternehmen auf die Produktion von Wärmetauscherrohren und Formstücken. Gussteile aller Art blieben bis zuletzt das Kerngeschäft des Werks: So wurden beispielsweise Papillons, Armaturen und Schieber gefertigt. Seit 1963 erhielten Auszubildende im Eisenwerk ihre berufliche Grundbildung vor Ort.

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das Unternehmen in den 1990er Jahren erneut privatisiert; nur ein Jahr danach sank die Mitarbeiterzahl auf knapp 400 Beschäftigte, ein Jahr später auf nur noch 150 Personen. Im Jahr 1992 wurde das Werk schließlich stillgelegt.

Der Verein „Aus einem Guss e.V.“ in Tangermünde setzt sich dafür ein, aufgrund der langen Historie des Werks neues Leben einzuhauchen. Die mächtigen Säulen im Werk sowie die kunstvollen Fenster, welche die Backstein-Gießerei schmücken, wurden dort selbst hergestellt – diese Produkte fanden Verwendung als dekorative Elemente in der Fassade und machen die Industriearchitektur zugleich zur Schaustätte wie auch zur Produktionsstätte.

 

Der Landtag von Sachsen-Anhalt hat offiziell festgestellt, dass die alte Gießerei besonders schützenswert ist – bislang blieb es jedoch bei wohlklingenden Worten aus der Politik ohne konkrete Maßnahmen zur Erhaltung dieses bedeutenden Denkmals.

 

 

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